Ratgeber

Was tun bei Übergewicht im Kindesalter?

Zu viele Pfunde auf der Waage

Immer mehr Kinder leiden unter Übergewicht. Das hat nicht nur gesundheitliche Folgen. Spott und Hänseleien machen ihnen das Leben manchmal so schwer, dass sie soziale Kontakte meiden und psychische Störungen entwickeln. Eine simple Diät ist bei übergewichtigen Kindern nicht zielführend. Die Gewichtsreduktion funktioniert nur in einem Gesamtkonzept, bei dem Eltern und Familie integriert sind.

Was heißt zu dick bei Kindern?

Viele Kinder und Jugendliche in Deutschland sind zu dick: Schon vor Corona waren laut einer Studie des Robert Koch-Instituts gut 15% von ihnen übergewichtig, knapp 6% sogar fettleibig (adipös). Kinderärzt*innen berichten, dass dieser Anteil im Laufe der Pandemie durch Schulschließungen, eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten in der Freizeit und die vermehrte Nutzung von digitalen Medien noch angestiegen ist. Jungen und Mädchen unterscheiden sich in puncto überflüssiger Pfunde kaum voneinander. Allerdings sind Kinder mit niedrigem sozioökonomischem Status öfter von Übergewicht und Adipositas betroffen.

Bei Erwachsenen sind Übergewicht und Adipositas (Fettleibigkeit oder Fettsucht) durch das Überschreiten bestimmter Grenzwerte des Body-Mass-Index (BMI) definiert. Ein BMI zwischen 25 und 30 kg/m2 bedeutet, dass die Person übergewichtig ist, bei einem BMI über 30 liegt eine Adipositas vor.

Auch bei Kindern wird zur Beurteilung von Übergewicht der BMI herangezogen. Berücksichtigt werden dabei geschlechtsspezifische, nach Alter sortierte Wachstumskurven (sog. BMI-Alterperzentilen). Liegt ein Kind mit seinem BMI über der 90-Perzentile in der Wachstumskurve, hat es Übergewicht. 90-Perzentile bedeutet, dass 90 Prozent der gleichgeschlechtlichen und gleichaltrigen Kinder weniger wiegen). Für eine Adipositas muss der BMI zwischen der 97er- und der 99,5er Perzentilen liegen, für eine extreme Adipositas über 99,5.

Beim Verdacht auf Übergewicht ist die Kinderärzt*in die erste Anlaufstelle, um den Ernährungs- und Gesundheitszustand des Kindes objektiv zu beurteilen. In der Arztpraxis wird dazu neben der Berechnung des BMI häufig auch die Hautfaltendicke herangezogen. Manchmal kommt auch die Bioimpedanzanalyse zum Einsatz. Mit dieser Methode kann man die Körperzusammensetzung messen, d.h. den Fett-, Muskel- und Wasseranteil. Der Besuch bei der Kinder- und Jugendärzt*in ist aber nicht nur für eine objektive Beurteilung wichtig. Er dient auch dazu, den sehr seltenen Fall einer körperlichen Erkrankung als Ursache auszuschließen.

Tipp: Die Webseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hilft bei der ersten Einschätzung, ob das eigene Kind vielleicht zu dick ist. Dort findet man nicht nur einen alters- und geschlechtsspezifischen BMI-Rechner, sondern auch die entsprechenden BMI-Wachstumskurven.

Gesundheitsrisiko Speck

Übergewicht und Adipositas begünstigen im Erwachsenenalter viele Erkrankungen. Dazu gehören u.a. Darmkrebs, Diabetes, Herzinfarkt und Arthrose. Für Heranwachsende wiegen die überflüssigen Pfunde mindestens ebenso schwer. Sie haben im Vergleich zu normalgewichtigen Altersgenoss*innen ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Atemwegserkrankungen sowie vermehrt orthopädische Probleme.

Doch nicht nur gesundheitliche Folgen sind mit dem Übergewicht verbunden. Zu dicke Kinder sind häufig Hänseleien und Spott ausgesetzt und werden gemobbt. Das schränkt ihre Lebensqualität gewaltig ein. Manche ziehen sich deshalb aus dem sozialen Leben zurück, werden depressiv und ängstlich.

Hinweis: Übergewicht in der Kindheit wird in sehr vielen Fällen in die nächsten Lebensdekaden mitgeschleppt. 55% der Kinder, die zu dick sind, haben auch als Jugendliche Übergewicht. Und vier von fünf übergewichtigen Jugendlichen sind auch als Erwachsene zu dick.

Was macht Kinder dick?

Übergewicht und Adipositas entstehen, wenn dem Körper mehr Energie zugeführt wird als er für seine Grundfunktionen und Aktivität benötigt. Die überschüssige Energie legt der Körper in Fettdepots an.

In den allermeisten Fällen sind Kinder zu dick, weil sie zu viel essen. Das klingt zunächst einfach. Doch wie es dazu kommt, ist äußerst komplex und wird durch viele Faktoren beeinflusst.

  • Erlernte Fehlernährung. Eltern geben ihre Ernährungsgewohnheiten an ihre Kinder weiter. Belohnungsrituale mit Süßigkeiten und häufige Zwischenmahlzeiten führen ebenso zu einer vermehrten Kalorienaufnahme wie generell ungesunde Kost mit viel Fett, Fleisch und Kohlenhydraten. Auch das Essverhalten wird erlernt: Dazu gehört z.B., im Stehen oder vor dem Fernseher zu essen.
  • Ungünstiger Lebensstil. Neben dem Zuviel an zugeführten Kalorien wirkt sich das Zuwenig an Energieverbrauch auf das Körpergewicht aus. Kinder bewegen sich im digitalen Zeitalter deutlich weniger als früher. Nur 49% der Jungen und 43% der Mädchen erreichen die von der WHO empfohlenen Bewegungsziele – und das sind sogar nur 60 Minuten/Tag mäßig bis anstrengende körperliche Aktivität.
  • Psychische Faktoren. Oft fangen Kinder bei psychischen Problemen an, mehr zu essen. Auslöser können z.B. Verlusterlebnisse wie die Scheidung der Eltern sein. Aber auch Einsamkeit, andauernde Belastungssituationen oder Mobbing in der Schule können zu übermäßigem Essen führen. Essen dient dann dem Frustabbau oder dazu, sich etwas Gutes zu tun. Manchmal hilft es den Betroffenen auch, Ängste oder depressive Gedanken zu verdrängen.
  • Gene. Die Zwillingsforschung hat ergeben, dass das kindliche Gewicht von den geerbten Genen beeinflusst wird. Bei etwa 80% der zu dicken Kinder ist ein Elternteil übergewichtig, bei 30% sind es Vater und Mutter. Im Fall der Adipositas ist es noch eindeutiger, dass sie eine familiäre Erkrankung ist: Sind beide Eltern adipös, verfünffacht sich das Risiko, dass auch das Kind darunter leiden wird. Vererbt wird dabei aber nicht die Krankheit, sondern die Veranlagung dazu, also der „Nährboden“.

Hinter Übergewicht und Adipositas kann auch eine körperliche Erkrankung stecken. Das ist allerdings nur bei weniger als einem von 100 Kindern der Fall. Starke Gewichtszunahme findet sich – neben jeweils anderen Symptomen – z.B. bei Schilddrüsenunterfunktion oder anderen hormonellen Störungen.

Hinweis: Auch bei Kindern kann es durch die regelmäßige Einnahme von Medikamenten zu einer unerwünschten Gewichtszunahme kommen. Hier ist vor allem Kortison zu nennen, aber auch Insulin oder Neuroleptika führen dazu. In der Regel bespricht die Kinderärzt*in diese Nebenwirkung bei der Verordnung des jeweiligen Medikaments.

Was hilft gegen das Übergewicht?

Prinzipiell reicht es bei übergewichtigen Kindern nicht aus, sie „auf Diät zu setzen“ oder bestimmte Lebensmittel wie etwa zuckerhaltige Limonade oder Süßigkeiten vom Speiseplan zu streichen. Für eine dauerhafte Gewichtsabnahme ist ein umfassendes Gesamtkonzept erforderlich, in das die ganze Familie integriert wird. Es beruht auf drei Grundpfeilern:

  • Ernährungsumstellung auf eine optimierte Mischkost
  • Bewegung in Form von Sport und aktivem Lebensstil
  • Verhaltenstherapie zur Veränderung des Essverhaltens

Die Kinder- und Jugendärzt*in beurteilt deshalb nicht nur den Ernährungs- und Gesundheitszustand des Kindes. Um Eltern und Betroffene fundiert zu beraten, fragt sie auch intensiv nach den Lebensumständen, den körperlichen Aktivitäten und den Ernährungsgewohnheiten des Kindes. Neben dem Erarbeiten einer Therapiestrategie kann die Ärzt*in meist auch Anlaufstellen für eine Ernährungsberatung und Verhaltenstherapie nennen.

Ernährungsumstellung. Für eine Gewichtsabnahme müssen Kalorienzufuhr (also die Nahrungsmenge) und die Nahrungszusammensetzung kontrolliert werden. Übergewichtige Kinder und Erwachsene verzehren meist zuviel Fett, sowohl offen als Sahnehäubchen als auch versteckt in Soßen, Wurst oder Chips. Stattdessen sollten mehr gesunde Lebensmittel wie Gemüse, Vollkornprodukte, Fisch und Milchprodukte konsumiert werden. Wie eine gesunde Ernährung aussieht und wie man sie in den Alltag integriert, lernt man in speziellen Kochkursen oder bei der Ernährungsberatung. Entsprechende Kontakte vermitteln die Krankenkassen oder die Kinderärzt*in.

Regelmäßige Bewegung. A und O beim Abnehmen ist körperliche Bewegung. Am besten geeignet sind ausdauerfördernde und gelenkschonende Sportarten wie Radfahren oder Schwimmen. Empfohlen werden etwa 90 Minuten moderate Bewegung am Tag. Sportungewohnte Kinder müssen an dieses Pensum schrittweise herangeführt werden. Kinderärzt*innen geben dazu folgende Ratschläge:

  • Um die Motivation zu stärken, bieten sich Gruppenveranstaltungen an. Am besten sind spezielle Sportgruppen, wobei Leistungsdruck möglichst vermieden werden sollte.
  • Vor allem jüngere Kinder profitieren davon, körperliche Aktivitäten zusammen mit ihren Eltern oder Geschwistern zu unternehmen. Regelmäßige Schwimmbadbesuche, Radausflüge oder gemeinsames Fußballspielen bietet sich für Familien an. Auch hier soll für alle der Spaß im Vordergrund stehen.
  • Für stark übergewichtige Kinder stehen in vielen Regionen entsprechende Betreuungsprogramme zur Verfügung. Adressen gibt es bei der Krankenkasse oder bei der Kinderärzt*in. Sind die Angebote kostenpflichtig, übernimmt die Krankenkasse häufig zumindest einen Teil der Gebühren.
  • Neben dem Sport ist es unabdingbar, die Alltagsaktivität zu steigern. Dazu gehört z.B., die Treppe statt den Aufzug zu benutzen und zur Schule zu gehen statt gefahren zu werden. Kinder sollten mindestens 12 000 Schritte am Tag erreichen.

Verhaltenstherapie. In den meisten Fällen ist es erforderlich, das Essverhalten zu ändern – und zwar von der gesamten Familie. Je nach Lage können Einzel-, Gruppen oder auch eine Familientherapie hilfreich sein. Am besten bewährt hat sich die Verhaltenstherapie. Manchmal sind auch tiefenpsychologische Therapien erforderlich, um Ängste und Depressionen zu bewältigen.

Da sich Kinder und Jugendliche noch im Wachstum befinden, gilt die Stabilisierung des Gewichts als erstes Therapieziel. Im weiteren Verlauf ist – je nach Alter –meist eine Gewichtsreduktion von 0,5 bis 1 kg/Woche Anschluss wünschenswert. Bereits eine geringe Änderung des BMI bessert Zucker- und Fettstoffwechsel. Weitere wichtige Therapieziele sind die Besserung der Lebensqualität des Kindes und die langfristige Förderung eines gesunden Lebensstils.

Tipp: Für adipöse Kinder und Jugendliche gibt es inzwischen spezielle Trainer, Kurse und Einrichtungen. Sie sind zu finden auf der Webseite der Arbeitsgemeinschaft für Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA).

Medikamente und Magenoperation

Bei Erwachsenen mit therapieresistenter Adipositas kommen inzwischen immer häufiger GLP1-Agonisten wie Semaglutid oder Liraglutid zum Einsatz. Sie werden unter die Haut gespritzt und imitieren die Wirkung eines Hormons, das Sättigung signalisiert. Auf diese Weise nimmt der Betroffene weniger Kalorien zu sich. Mithilfe dieser sogenannten Abspeckspritzen lässt sich auch das Gewicht bei stark übergewichtigen Jugendlichen senken.

Liraglutid ist seit 2015 zur Behandlung übergewichtiger Jugendlicher ab zwölf Jahren zugelassen, und zwar als Ergänzung zu einer gesunden Ernährung und verstärkter körperlicher Aktivität. Es muss täglich injiziert werden. Das wöchentlich zu spritzende Semaglutid wurde vor Kurzem ebenfalls für Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen. In Verbindung mit Lebensstiländerungen (mehr Bewegung, gesündere Ernährung) konnte es in einer Studie nach 68 Wochen bei 76% der adipösen Teenager das Gewicht um mindestens 5% senken, bei 37% sogar um mindestens 20%. Unter Placebo war dies nur bei 23% bzw. 3% der Fall.

Die Gewichtsabnahme wurde allerdings mit vermehrten Nebenwirkungen bezahlt. Übelkeit, Erbrechen und Durchfall traten unter Semaglutid bei 62% auf, unter Placebo bei 42%. Fünf Jugendliche aus der Semaglutidgruppe entwickelten zudem Gallensteine. Eine weitere unerwünschte Wirkung trifft für alle Personen zu, die mit GLP1-Agonisten abnehmen möchten. Sobald der Wirkstoff abgesetzt wird, steigt das Hungergefühl wieder. Man isst wieder mehr und nimmt zu. Das Medikament muss also auf Lebenszeit angewendet werden – es sei denn, man ändert seinen Lebenstil – was jedoch den wenigsten gelingt.

Eine weitere Option für schwere Fälle ist die Magenoperation. Sie kommt laut Leitlinien bei Kindern und Jugendlichen mit einem BMI über 50 kg/m2 in Betracht. Für Kinder mit einem BMI zwischen 35 und 49 ist sie zu erwägen, wenn

  • eine ernste Begleiterkrankung vorliegt (Schlaf-Apnoe-Syndrom oder Diabetes Typ 2) oder
  • der Ausschluss von der Ausbildung oder Arbeit droht.

Als chirurgisches Verfahren wird bei Jugendlichen vor allem die Magenbypass-Operation empfohlen. Eingebettet in ein Gesamtkonzept hilft der Magenbypass dabei, das Gewicht zu reduzieren und Blutzucker und Blutfette zu verbessern. Das geschieht über zwei Mechanismen: Es wird insgesamt weniger Nahrung zugeführt. Außerdem werden die Nahrungsbestandteile schlechter vom Darm aufgenommen, d.h. vermehrt wieder ausgeschieden. Als unerwünschte Wirkungen drohen durch die Magenverkleinerung Durchfall, Blähungen und ein erhöhtes Risiko für Nierensteine.

Hinweis: Nach einer Magenverkleinerung werden nicht nur weniger Kalorien und Fett aufgenommen, sondern auch weniger Vitamine und Mineralstoffe. Diese Stoffe müssen deshalb in Form von Nahrungsergänzungsmitteln lebenslang zugeführt werden.

Prävention ist alles

Eltern können eine Menge tun, damit ihre Kinder nicht übergewichtig werden. Das fängt schon in der Schwangerschaft an. Sowohl Qualität und Menge der Nahrungsmittel haben einen Einfluss auf die Stoffwechsel-Programmierung ihres Ungeborenen. Trotz intensiver Forschung auf diesem Gebiet können allerdings bisher noch keine konkreten Empfehlungen zu bestimmten Nahrungsmitteln abgeleitet werden.

Eine Empfehlung spricht die Leitlinie zur Adipositas im Kindesalter aber ganz klar aus: Werdende Mütter sollten versuchen, in der Schwangerschaft eine übermäßige Gewichtszunahme zu vermeiden. Denn inzwischen weiß man, dass Kinder mit einem hohen Geburtsgewicht (über 4 500 g) später häufiger adipös werden als normalgewichtige Neugeborene.

Ein weiterer wichtiger Faktor für eine gesunde Entwicklung des Säuglings ist das Stillen. Stillen fördert nicht nur die Bindung zwischen Mutter und Kind und schützt das Baby vor Infektionskrankheiten. Langfristig haben gestillte Kinder auch ein geringeres Risiko für Übergewicht und Adipositas. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt deshalb, Kinder – wenn möglich – die ersten sechs Lebensmonate ausschließlich mit Muttermilch zu ernähren.

Die Ernährung im Kleinkind- und Kindesalter ist ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt, einer Fettleibigkeit vorzubeugen. Neben einer gesunden Kost ist auf folgende Faktoren zu achten:

  • Geplant werden sollten drei Hauptmahlzeiten und zwei Zwischenmahlzeiten. In den essenfreien Zeiten sollten keine zuckerhaltigen Getränke, Milch oder Snacks angeboten werden. Ungesüßter Tee und Wasser sind immer erlaubt.
  • Mindestens eine Mahlzeit sollte eine Familienmahlzeit sein. Fernsehen und Smartphone sind beim Essen verboten.
  • Hunger- und Sättigungssignale des Kindes sollten respektiert werden.
  • Essen darf nicht als Belohnung oder Bestrafung eingesetzt werden.

Insgesamt darf nicht vergessen werden, dass Eltern eine wichtige Vorbildfunktion haben. Sind sie selbst adipös, sind es häufig auch die Nachkommen. Wer sich selbst mit Pommes und Pizza ernährt, wird Probleme haben, seine Kinder von einer gesunden Mittelmeerkost zu überzeugen. Das Gleiche gilt für Medienkonsum und Bewegung. Die beste Vorbeugung gegen kindliches Übergewicht sind Eltern, die ihr Leben nicht vor dem Fernseher verbringen, sondern regelmäßig und häufig gemeinsam mit ihren Kindern draußen aktiv sind.

Quellen: S3-Leitlinie Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter, Warschburger P, Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes-und Jugendalters, 2020: 1-10.

Autor / Rechte
20.01.2024
Dr. med. Sonja Kempinski

Schluss mit den Blähungen !

Quälende Darmwinde?

Blähungen sind nicht nur peinlich. Die Ansammlung von Gasen im Darm kann auch Krämpfe und erhebliche Schmerzen verursachen. Glücklicherweise gibt es einiges, was man gegen einen Blähbauch tun kann von Hausmitteln wie Kümmel bis zum Entschäumer aus der Apotheke.

Blähungen sind häufig

Etwa jeder fünfte Erwachsene leidet immer wieder unter zu viel Luft in Magen und Darm-. Dabei variieren die Beschwerden: Manche Betroffenen haben vor allem einen aufgeblähten, schmerzhaften Bauch – in diesem Fall spricht man von einem Meteorismus. Andere quälen sich mit Blähungen, die als Winde abgehen (der Fachbegriff dafür lautet Flatulenz). Beide luftbedingten Beschwerden können unabhängig voneinander auftreten. Häufig sind sie allerdings kombiniert.

Auch im gesunden Darm befinden sich Gase. Denn zum einen schluckt man Luft mit den Mahlzeiten. Zum anderen entstehen Kohlendioxid, Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff und Methan bei den alltäglichen Verdauungsprozessen. Normalerweise wird der Hauptanteil der Gase von der Darmschleimhaut aufgenommen, zur Lunge transportiert und dort abgeatmet. Der Rest verlässt den Körper unauffällig durch den After.

Befinden sich jedoch zu große Mengen an Gasen im Darm, sammeln sich die Gase an. Sie werden dann als Blasen oder Schaum in Richtung Darmausgang transportiert. Unterwegs können die Blasen den Darm vorübergehend verschließen. Das führt zu Krämpfen, Schmerzen und Rumoren im Bauch. Am After angekommen, werden die Gase als Winde entlassen – mal lauter und mal leiser.

Hinweis: Der unangenehme Geruch der Darmwinde kommt durch schwefelhaltige Gase zustande. Sie entstehen im Dickdarm beim Zersetzen von Nahrungsresten durch die Darmbakterien.

Warum zu viel Luft im Darm ist

Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie zu viel Luft in den Darm gelangt. Eine davon ist zu starkes Luftschlucken bei der Nahrungsaufnahme. Etwas Luft zu schlucken ist ganz normal. Durch zu hastiges Essen oder kohlensäurehaltige Getränke gelangt allerdings leicht zuviel davon in den Magen. Das Gleiche droht auch bei intensivem Kaugummikauen und beim Rauchen.

Die andere wichtige Ursache ist eine vermehrte Gasbildung im Darm. Gelangen unverdaute Nahrungsbestandteile in den Dickdarm, werden sie dort von Darmbakterien vergoren. Dabei entstehen Darmgase, die durch den After abgegeben werden. Verschiedene harmlose Ursachen lösen eine solche Gasbildung aus:

  • Blähende Nahrungsmittel. Kohl, Zwiebeln, Vollkorngetreide und Hülsenfrüchte sind schwer verdaulich – vor allem, wenn man diese Nahrungsmittel nicht gewohnt ist. Dann gelangen große Mengen unverdauter Bestandteile in den Dickdarm, wo sie von Bakterien unter Gasbildung zerlegt werden. Das erhöhte Angebot führt dazu, dass sich die gasbildenden nBakterien vermehren und immer mehr Gase entstehen.
  • Stress. Stress führt dazu, dass das sympathische Nervensystem hochtourig arbeitet. Gehirn und Muskeln werden aktiviert und unter Spannung gehalten. Der Darm arbeitet währenddessen auf Sparflamme und kann nicht für die ordnungsgemäße Verwertung der Nahrung sorgen. Die Folge sind Blähungen und Völlegefühl. Auch bei zu üppigen Mahlzeiten ist der Darm oft überfordert und reagiert mit Verdauungsstörungen und Blähungen.
  • Übergewicht. Übergewicht kann Blähungen verursachen, weil durch die volumenbedingte Dehnung die Wandspannung der Bauchmuskulatur abnimmt. In der Folge wird die Verdauung verlangsamt und erschwert.

Hinweis: Blähungen gehören auch zu den Beschwerden vieler Schwangeren. Das liegt unter anderem daran, dass das im Mutterleib heranwachsende Kind auf den Magen-Darm-Trakt drückt und die Verdauung erschwert.

Wann in die Arztpraxis bei Blähungen?

Meistens sind Blähungen selbstgemacht und harmlos. Manchmal sind sie aber auch ein Zeichen für eine Darmerkrankung. In bestimmten Fällen ist es deshalb wichtig, Blähungen nicht zu ignorieren, sondern bei der Ärzt*in abklären zu lassen, etwa bei

  • Blähungen, die lange anhalten und nicht besser werden,
  • gleichzeitig auftretenden veränderten Stuhleigenschaften, vor allem nächtlicher Durchfall,
  • neu aufgetretenen Beschwerden nach dem 50. Lebensjahr,
  • Blut im Stuhl und
  • Fieber und Abgeschlagenheit.

Dann stecken hinter den Blähungen vielleicht Nahrungsmittelunverträglichkeiten (Laktoseintoleranz oder Fruktoseintoleranz) oder der Mangel an Verdauungsenzymen, z. B. im Rahmen einer Pankreaserkrankung. Bei beiden Erkrankungen gelangen unverdauten Nahrungsbestandteile in den Dickdarm und werden dort unter starker Gasbildung vergoren. Vor allem Blut im Stuhl kann aber auch ein Hinweis auf einen Darmtumor sein.

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie der Morbus Crohn oder die Colitis ulcerosa lösen auch Blähungen aus, aber aus anderen Gründen: Sie schädigen die Darmwand. Das führt dazu, dass die normalen Darmgase schlechter über die Darmwand ins Blut aufgenommen und dadurch nicht abgeatmet werden können. Stattdessen werden sie dann als Winde über den Darmausgang entlassen. Gleichzeitige krankheitsbedingte Verdauungsstörungen vermehren die Gasbildung weiterhin.

Hinweis: Auch Medikamente begünstigen Blähungen. Typisch ist dies für Antibiotika, aber auch für Diabetesmedikamente wie Metformin, Acarbose und den neuen Wirkstoff Semaglutid. Wer unter Blähungen leidet und Medikamente einnimmt, sollte diese von der Ärzt*in überprüfen lassen.

Selbstmedikation mit Entschäumern

Bei harmlosen Blähungen steht einer Behandlung in Eigenregie nichts im Wege. Nützlich sind dabei Präparate aus der Apotheke und allgemeine Verhaltenstipps.

Schnelle Hilfe bieten die beiden Entschäumer Dimeticon und Simeticon. Sie setzen wie Tenside die Oberflächenspannung der Gasblasen herab. Dadurch zerplatzen die Blasen und geben die darin enthaltenen Gase frei. Diese können jetzt entweder über die Darmwand aufgenommen oder über den After ausgeschieden werden. Entschäumer wirken physikalisch und gelangen nicht in den Blutkreislauf. Sie dürfen deshalb – je nach Präparat - auch von Schwangeren und Kindern eingenommen werden. Es gibt sie als Kautabletten, Tropfen, Emulsionen und Kapseln. Typische Vertreter sind beispielsweise Sab simplex® Tropfen und Espumisan® Emulsion, die schon für Säuglinge zugelassen sind, oder Lefax® intens Flüssigkapseln für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.

Es gibt auch Präparate, die sowohl den Entschäumer Simeticon enthalten als auch ein Enzymgemisch aus Pankreasenzymen. Diese Enzyme sollen die Verdauung fördern. Ihr Nutzen ist in Studien allerdings nachgewiesen, weshalb die Leitlinien ihren Einsatz auch nicht empfehlen. Manche Patient*innen profitieren aber trotzdem von dieser Kombination. Für Menschen, die aus religiösen oder anderen Gründen kein Schweinefleisch essen, sind diese Kombipräparate jedoch nicht empfehlenswert. Denn die enthaltenen Extrakte stammen von Pankreasenzymen des Schweins.

Tipp: Bei Blähungen, die mit Krämpfen verbunden sind, hilft auch die Einnahme des krampflösenden Butylscopolamins. Es ist rezeptfrei in der Apotheke zu haben.

Pflanzliche Karminativa

Auch das Pflanzenreich hat einiges gegen Blähungen zu bieten. Besonders häufig eingesetzt werden Kamille, Kümmel, Anis, Pfefferminze und Fenchel. Diese natürlichen Karminativa (karminativ bedeutet „blähungstreibend“) wirken auf verschiedene Weise. Einige tragen dazu bei, dass die Gasbläschen im Verdauungstrakt aufgelöst werden. Manche fördern die Darmbewegung und erleichtern die Ausscheidung der Gase. Andere wirken krampflösend und lindern dadurch die Blähungen.

Zur Förderung der Verdauung nutzt man Kamille, Kümmel & Co. schon seit eh und je als Gewürze in der normalen Küche. So mischt man beispielsweise gerne Anis und Kümmel in frischen Brotteig und würzt schwer verdaulichen Kohl mit Kümmel. In indischen Restaurants ist es Tradition, durch das Kauen von Fenchelsamen nach dem Essen die Verdauung anzukurbeln.

In der Pflanzenmedizin setzt man die natürlichen Karminativa als Tee, als Extrakte in Tropfen oder als Öle in Kapseln ein:

Tee. Teezubereitungen werden entweder als fertige Mischungen gekauft und aufgegossen oder selbst aus Samen, Blättern oder Früchten zubereitet. Sie sollten mehrmals am Tag zwischen den Mahlzeiten getrunken werden.

Kapseln. Pfefferminzöl und Kümmelöl gibt es kombiniert in magensaftresistenten Kapseln. Beide Öle entspannen nachgewiesenermaßen die Darmmuskulatur, Kümmel bessert zudem Blähungen und Völlegefühl. Ihre Wirkung ist bewiesen, weshalb die Kombination auch von Expert*innen empfohlen wird. Die Öle gibt es auch einzeln in Kapselform. Egal für welche Variante man sich entscheidet: Wichtig ist, die Kapseln unzerkaut als Ganzes etwa 30 Minuten vor der Mahlzeit zu schlucken. Man darf sie auch nicht zusammen mit Antazida einnehmen, da diese die Kapseln auflösen und die Öle so nicht weit genug in den Darm gelangen.

Tropfen aus Extrakten. Zur Anregung von Verdauung und Appetit werden vor dem Essen häufig alkoholhaltige Extrakte aus Kamillenblüten, Pfefferminzblättern, Kümmel- und Fenchelfrüchten angeboten. Das ist allerdings nicht empfehlenswert, denn sie bewirken eher das Gegenteil. Weil Leber und Stoffwechsel sich zuerst um die Entgiftung des Alkohols kümmern müssen, wird die Verdauung der Mahlzeit erst einmal verzögert. Sinnvoll ist dagegen die Einnahme von alkoholfreien Tropfen, z. B. Bitterelixier.

Tipp: Wer sich Tee aus Kümmelsamen selbst zubereiten möchte, sollte diese erst kurz vor dem Übergießen mit heißem Wasser zermörsern. Auf diese Weise entfalten sich die wohltuenden ätherischen Öle besser.

Allgemeine Maßnahmen gegen die üblen Winde

Wer häufig von Blähungen geplagt wird, sollte einige allgemeine Verhaltensregeln beherzigen. Das fängt beim Essen an: Langsames und bewusstes Kauen führt dazu, dass weniger Luft geschluckt wird. Außerdem wird so die Nahrung besser für die Verdauung vorbereitet. Günstig sind auch kleine Mahlzeiten, die man über den Tag verteilt. Zu üppige und späte Mahlzeiten belasten den Magen-Darm-Trakt.

Dass man gasbildende Getränke und blähende Nahrungsmittel besser meidet, liegt auf der Hand. Das bedeutet z.B., lieber Tee statt kohlensäurehaltiges Bizzlwasser zu trinken. Lebensmittel, auf die man mit Blähungen reagiert, sollte man entweder ganz weglassen oder sich langsam und schrittweise daran gewöhnen. Neben den bekannten Übeltätern Kohl und Zwiebel begünstigen auch die Zuckeraustauschstoffe Sorbit, Mannit und Xylit Blähungen. Die Stoffe findet man in vielen kalorienreduzierten Getränken, aber auch in Zahnpflegekaugummis.

Körperliche Aktivität unterstützt den Darm. Eine allseits bekannte gesunde und verdauungsfördernde Maßnahme ist der Spaziergang nach dem Essen. Regelmäßige Gymnastik ist ebenfalls anzuraten. Außerdem können leichte, kreisende Bauchmassagen im Uhrzeigersinn die Verdauung fördern.

Tipp: Stress belastet den Darm. Deshalb sollte man versuchen, Stress abzubauen. Dazu dienen Sport und Bewegung, aber auch regelmäßige Entspannungsübungen oder Yoga.

Quelle: DAZ 2023, 32:26

Autor / Rechte
23.12.2023
Dr. med. Sonja Kempinski

Lippenherpes lässt sich bezwingen

Mit Creme, Patch oder Hitze

Lippenherpes juckt, schmerzt und ist mit seinen gelblichen Krusten alles andere als eine Zierde. Häufig taucht er gerade dann auf, wenn man ihn am allerwenigstens gebrauchen kann. Zum Glück gibt es gegen die üblen Fieberbläschen inzwischen viele Gegenmittel. Wer sie frühzeitig einsetzt, hat gute Chance, den Herpes im Zaum zu halten.

Lebenslange Untermieter

Herpes-simplex-Viren (HSV) sind weit verbreitet. Am häufigsten kommt der Typ HSV-1 vor: Neun von zehn Erwachsenen tragen ihn in sich. Die meisten stecken sich damit schon in der frühen Kindheit an. Das Virus gelangt dabei über Körperflüssigkeiten wie Speichel oder Nasensekrete zunächst auf die Schleimhaut oder wird eingeatmet. Von dort erreicht es dann die Blutbahn. Nach dieser ersten, oft unbemerkten Infektion ziehen sich die Viren in bestimmte Nervenzellen (Ganglienzellen) zurück und bleiben lebenslang im Körper. Werden die „schlafenden“ Viren allerdings durch Stress oder andere Faktoren reaktiviert, wandern sie die Nervenbahnen entlang und lösen Geschwüre und Bläschen an der Haut aus.

Besonders häufig sitzen die Herpesviren in den Ganglienzellen des Nervus trigeminus. Dieser innerviert die Gesichtshaut, die Lippen und die Mundschleimhaut. Werden die Viren reaktiviert, kommt es in diesen Gebieten zu Symptomen. Am allerhäufigsten betroffen sind dabei die Lippen und der Bereich um den Mund herum. Im Volksmund nennt man die dann auftretenden kleinen schmerzhaften Geschwüre Fieberbläschen. Fachleute sprechen von einem Herpes labialis, wenn er an den Lippen oder im Mund sitzt, vom Herpes nasalis, wenn er die Nase befällt.

Fieberbläschen kündigen sich oft durch Brennen, Kribbeln oder Jucken an. Innerhalb weniger Stunden blüht der Herpes auf: Es entwickelt sich ein münzgroßer, geröteter Herd mit kleinen Blasen. Diese sind prall gefüllt mit HSV. Nach wenigen Tagen platzen sie und trocknen schließlich aus. Dabei bilden sich höchst schmerzhafte Krusten. Nach acht bis zehn Tagen ist die Wunde abgeheilt, und die Haut sieht wieder so aus wie vorher. Dummerweise bleibt es meist nicht bei der einen Attacke. Bei vielen Menschen, die das HSV in sich tragen, kommt das Fieberbläschen immer wieder. Oft an der gleichen Stelle, manchmal auch in anderen Bereichen des Mundes oder an der Nase.

In manchen Fällen bleibt es bei der Reaktivierung nicht beim harmlosen Fieberbläschen. Vor allem bei immungeschwächten Patient*innen und Neugeborenen drohen Komplikationen. Das Virus kann sich im gesamten Körper ausbreiten und das zentrale Nervensystem, die Lunge und die Leber infizieren. Atemnot, Fieber und Krampfanfälle sind nur einige der lebensbedrohlichen Folgen.

Hinweis: Manchmal kommt es durch die Reaktivierung von HSV-1 zu einer Augeninfektion. Dabei sind v.a. die Hornhaut und die Bindehaut betroffen. Bemerkbar macht sich der Augenherpes durch Rötung, Schmerzen, Juckreiz und Fremdkörpergefühl im Auge.

Was HSV aus seiner Zelle lockt

Fast alle Menschen sind mit HSV-1 infiziert. Doch nicht alle leiden unter Fieberbläschen. Das liegt daran, dass das Virus reaktiviert werden muss, bevor es aus den Nervenzellen auswandert und an der Haut zu Beschwerden führt. Provokationsfaktoren oder Trigger gibt es zahlreiche:

  • UV-Strahlung der Sonne (eine andere Bezeichnung für den Herpes labialis ist auch der „Gletscherbrand“ durch starke UV-Strahlen im Gebirge)
  • Fieber und Infektionskrankheiten
  • Hormonumstellungen (z.B. bei der Menstruation)
  • psychische Faktoren wie Stress, Ekel oder Traumata

Hinweis: Wer sehr häufig oder jeweils sehr lange unter Fieberbläschen leidet, sollte dies ärztlich abklären lassen. Dahinter kann eine Immunschwäche stecken.

Beschwerden mit Cremes und Gelen lindern

Das traditionelle Fieberbläschen ist nicht gefährlich, aber überaus lästig. Zum Glück gibt es inzwischen verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Besonders häufig werden spezielle Cremes eingesetzt.

Antivirale Cremes. Diese Cremes enthalten ein Virostatikum, das die Vermehrung der Viren stoppt. Trägt man sie schon beim ersten Kribbeln auf, bilden sich manchmal erst gar keine Bläschen aus. Ansonsten kann der Wirkstoff helfen, dass das Bläschen schneller abheilt und weniger schmerzt. Die Cremes sollten so früh wie möglich und dann alle drei bis vier Stunden eingesetzt werden. Für das Virostatikum Aciclovir gibt es keine Alterseinschränkung. Penciclovir darf erst ab einem Alter von zwölf Jahren angewendet werden. Aciclovir steht auch in Kombination mit antientzündlichem Hydrokortison zur Verfügung. Die Kombination soll die Symptome schneller lindern und die Wundheilung beschleunigen.

Zink. Zink soll auf Herpesviren ebenfalls einen hemmenden Effekt ausüben. Es wird für die virale Bläschenphase und die Zeit der Heilung empfohlen. Speziell für den Lippenherpes hergestellte Gele mit Zinksulfat-Heptahydrat sind in der Apotheke erhältlich.

Pflanzliche Salben. Melissenöl, Teebaumöl und Pfefferminzöl sind im Labor antiherpetisch wirksam, andere Pflanzeninhaltsstoffe haben desinfizierende Eigenschaften. Für den Lippenherpes gibt es spezielle Mixturen, z. B. Rephaderm mit Rosmarin-, Myrrhen- und Wermutkrautextrakten. Der Mikroalgenaktivstoff Spirulina-platensis-Extrakt (z.B. in Spiralin oder Ilon Lippencreme) soll das Eindringen und Anhaften von HSV in die Hautzellen verhindern. Dadurch kann er im Akutfall verhindern, dass das Bläschen weiter aufblüht. Auch vorbeugend soll Spirulina herpesanfällige Lippen schützen können. Außerdem reduziert der Algenwirkstoff die Krustenbildung und fördert die Abheilung.

Hinweis: Bei den Virostatika kommt es auch auf die Salbengrundlage an. So dringt Studien zufolge Aciclovir besonders gut in die Schleimhaut ein, wenn es mit einem Anteil von 40% Propylenglykol zubereitet ist.

Pflaster und Lippenstift

Statt Cremes lässt sich der Lippenherpes auch mit speziellen Pflastern oder Patches behandeln. Sie fördern durch Hydrokolloide die Wundheilung und reduzieren die Krustenbildung. Dabei sind sie auch ohne Wirkstoff etwa ebenso effektiv wie virostatische Cremes. Die Pflaster haben durchaus Vorteile: Sie schützen vor Infektionen und Weiterverbreitung der Viren. Außerdem lassen sie sich gut überschminken, d.h. das Fieberbläschen fällt weniger stark auf. Die Patches sollen 24 h auf der Läsion verbleiben. Beim Austausch lösen sich die Krusten mit ab – was allerdings recht schmerzhaft sein kann.

Ein weiteres Therapieprinzip ist Hitze. HSV sind wärmeempfindlich und lassen sich deshalb mit speziellen elektrischen Lippenstiften bekämpfen. Ab dem ersten Kribbeln soll man das Gerät stündlich für drei Sekunden auf die betroffene Stelle aufsetzen. Kribbelt es weiter, kann man die Behandlung nach zwei Minuten insgesamt fünf Mal pro Stunde wiederholen. Offene Bläschen oder verletzte Haut dürfen damit allerdings nicht behandelt werden. Außerdem muss die Haut frei von Cremes und trocken sein. Um eine Virenübertragung zu vermeiden, sollte der elektrische Stift nur von einer Person verwendet werden.

Tipp: Für ihre Vermehrung brauchen Herpesviren die Aminosäure L-Arginin. Nimmt man deren Gegenspieler L-Lysin ein, kann das die Abheilung unterstützen. L-Lysin ist in verschiedenen Nahrungsergänzungsmitteln (Kapseln oder Kautabletten) enthalten.

Allgemeine Maßnahmen verhindern die Ansteckung

Egal wie man seinen Lippenherpes behandelt: Auf jeden Fall sollte man dafür sorgen, dass man andere nicht infiziert. Denn die Flüssigkeit in den Bläschen ist prall gefüllt mit Viren. Hygiene ist bei einem akuten Lippenherpes deshalb oberstes Gebot. Das bedeutet:

  • Hände regelmäßig waschen und desinfizieren.
  • Bläschen nicht berühren oder öffnen. Cremes und Gele am besten mit einem Wattestäbchen auftragen.
  • Körperkontakt mit Kindern und Schwangeren meiden.
  • Läsionen mit einem Herpespatch oder Pflaster abdecken.
  • Als Kontaktlinsenträger mit aktivem Lippenherpes lieber eine Brille tragen, um die Viren nicht in die Augen zu verschleppen.
  • Nach dem Abheilen Zahnbürsten austauschen.

In manchen Fällen kann man dem wiederkehrenden Lippenherpes vorbeugen. Dazu muss man allerdings die Faktoren kennen, die das Aufblühen triggern. Ist Sonne der Auslöser, hilft Sonnenschutz – vor allem ein Lippenstift mit hohem Lichtschutzfaktor. Auch Kälte und trockene Luft kann HSV aufwecken. Deshalb sollte man im Winter die Lippen gut pflegen und draußen mit einem Schal oder Rollkragen vor eisigen Temperaturen schützen. Bei stressbedingtem Herpes können Entspannungstherapien zu einer besseren Stresskontrolle führen. Infektionen vermeidet man, indem man die empfohlenen Impfungen wahrnimmt und vor allem in der Erkältungszeit die Gebote der Hygiene beachtet.

Tipp: Wenn der Lippenherpes regelmäßig aufblüht, sollte man darüber Buch führen. Dadurch lassen sich die triggernden Faktoren leichter herausfinden.

Virostatika innerlich

In manchen Fällen müssen virostatische Medikamente auch innerlich eingesetzt werden. Dass ist z.B. der Fall, wenn schwere Verläufe drohen – wie bei Patient*innen mit Immunerkrankungen oder bei Neugeborenen. Meist verabreichen die Ärzt*innen den Wirkstoff dann über die Vene. Vor Zahnoperationen oder Schönheitsoperationen im Gesicht empfehlen Ärzt*innen oft die Einnahme von Aciclovir-Tabletten, um das Aufblühen von Läsionen zu verhindern. Bei immungeschwächten Menschen, die häufig Rezidive erleiden, wird zur Vorbeugung manchmal auch zu einer Langzeittherapie mit Valaciclovir oder Aciclovir in Tablettenform geraten.

Quelle: DAZ 2023, 26: 30

Autor / Rechte
18.11.2023
Dr. med. Sonja Kempinski

Der Erkältung eins husten

Mit Thymian, Myrte, Rosmarin

In der Erkältungszeit machen Husten, Schnupfen und Heiserkeit vor kaum jemandem halt. Zum Glück muss man nicht gleich mit Kanonen auf Spatzen schießen: Pflanzentherapeutika und Hausmittel können beim grippalen Infekt die Beschwerden gut lindern.

Grippaler Infekt oder Grippe?

In Herbst und Winter leiden Millionen von Deutschen an akuten Atemwegserkrankungen. Ein Teil davon geht mittlerweile auf eine Infektion mit dem Coronavirus zurück. Das Robert Koch-Institut schätzt allerdings, dass der Löwenanteil an Erkältungen von Influenzaviren, Rhinoviren und respiratorischen Synzytialviren (RSV) verursacht wird.

Der typische „grippale Infekt“ beginnt mit Halsschmerzen und Schnupfen, oft schmerzen auch Kopf und Glieder. Es kommt zu Husten mit zunehmendem Auswurf, die ganze Sache dauert etwa eineinhalb Wochen. Dahinter stecken insbesondere Rhinoviren oder RSV. Eine Erkältung oder ein grippaler Infekt lässt sich recht gut in Eigenregie mit Hausmitteln oder Hilfe aus der Apotheke behandeln.

Die echte Grippe wird durch Influenzaviren ausgelöst. Dabei entwickelt sich meist schnell hohes Fieber und Reizhusten, die Lymphknoten schwellen an und die Betroffenen fühlen sich sehr krank. Zu ganz ähnlichen Beschwerden kommt es auch bei einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV2 und bakteriellen Infektionen. In all diesen Fällen ist es wichtig, die Ärzt*in aufzusuchen.

Hinweis: Alte Menschen, Immungeschwächte und Schwangere sollten sich bei einer starken Erkältung nicht selbst therapieren. Um Komplikationen zu vermeiden, ist es besser, frühzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Immunsystem stärken

Beim grippalen Infekt möchten viele Patient*innen ihr Immunsystem mit Pflanzenmedizin unterstützen. Angeboten werden dafür vor allem Pelargonium sidoides, Echinacea und Kapuzinerkresse plus Meerrettich.

Pelargonium-sidoides-Extrakt (z B. in Umckaloabo® oder Pelargonium-ratiopharm® Bronchialtropfen) ist ein besonders gut untersuchtes pflanzliches Heilmittel. Eine vor wenigen Jahren veröffentlichte Metaanalyse kam zu dem Schluss, dass der Extrakt grippale Beschwerden lindert - die Patient*innen hören z.B. früher auf zu husten. Auch die allgemeineErkrankungsdauer soll sich um einige Tage verkürzen. Allerdings gibt es Hinweise, dass Pelargonium sidoides die Leber schädigen könnte. Leberkranke dürfen den Extrakt deshalb nicht einnehmen. Im Zweifel fragt man dazu seine Ärzt*in.

Der Extrakt aus dem Purpur-Sonnenhut (Echinacea purpurea, z.B. in Esberitox®) soll Erkältungen vorbeugen sowie entsprechende Beschwerden lindern. Die Studienergebnisse dazu sind allerdings widersprüchlich. Am ehesten scheint der Sonnenhut bei frühzeitiger Einnahme zu wirken.

Ebenfalls eingesetzt werden Extrakte aus Kapuzinerkresse und Meerrettich (z.B. Angocin®). Sie wirken eher vorbeugend: In einer Untersuchung erkrankten Teilnehmende, die den Extrakt einnahmen, seltener an Atemwegsinfektionen. Wurden sie dennoch davon erwischt, hatte der Extrakt keinen Einfluss auf Dauer und Schwere der Erkrankung.

Hinweis: Am besten kauft man diese Extrakte in einer Apotheke. Dort kann man sicher sein, ein geprüftes Präparat zu erhalten. Zudem bekommt man eine ausführliche Beratung.

Allgemeine Maßnahmen sind die Basis

Neben pflanzlicher Unterstützung helfen bei einer Erkältung vor allem auch allgemeine Maßnahmen. Wenn das Immunsystem gegen Erreger kämpft, ist es gut, sich zu schonen und dem Körper Ruhe zu gönnen. Bei leichtem Fieber helfen zudem kühle Wadenwickel. Im frühen Stadium einer Erkältung sind warme Fußbäder angenehm. Außerdem sollte man auf eine ausreichende Luftfeuchtigkeit achten, damit die Schleimhäute feucht bleiben und Krankheiterreger gut abtransportieren werden können. Besteht kein Fieber, sind Erkältungsbäder mit Extrakten aus Rosmarin und Eukalyptus für viele eine Wohltat. Bei Fieber sollte man auf warme Bäder besser verzichten, um den Kreislauf nicht zu belasten.

Für die Abwehr von Erregern braucht das Immunsystem sehr viel Energie. Auch wenn man sich schwach fühlt, sollte man ausreichend Kalorien zu sich nehmen. Um das Verdauungssystem nicht zu belasten, bietet sich leichte Kost an. Immer empfehlenswert ist die Gemüsebrühe, ansonsten gilt Tee als  ideal. Beides ersetzt auch die Flüssigkeit, die durch Schwitzen und vermehrte Nasensekrete verloren geht.

Manche schwören bei den ersten Anzeichen einer Erkältung auch auf eine Schwitzkur. Sie soll dafür sorgen, dass die Erreger möglichst schnell wieder ausgeschieden werden. Das funktioniert so:

  • Bequemen Jogginganzug anziehen, Mütze aufsetzen.
  • Gemütlich auf einem Sessel Platz nehmen und die Füße in ein warmes Fußbad stellen.
  • Währenddessen einen Schwitzkur-Tee trinken. Das Rezept dafür lautet: Jeweils 30 g Holunder- und Lindenblüten, 20 g Mädesüßblüten und 20 g Hagebuttenfrüchte mischen. Einen Esslöffel davon mit 150 ml heißem Wasser übergießen, ziehen lassen und trinken. Drei- bis viermal täglich wiederholen.
  • Füße abtrocknen, schweißnasse Kleidung wechseln, ins Bett legen und schlafen.

Hinweis: Vorsicht, eine Schwitzkur belastet den Kreislauf stark. Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten deshalb lieber darauf verzichten.

Halsschmerzen lindern

Erkältungskrankheiten und grippale Effekte beginnen fast immer mit Halsschmerzen. Schon einfache Lutschbonbons (bitte ohne Zucker!) lindern die Qual, weil sie die Speichelproduktion anregen. Nachgewiesenermaßen schmerzstillend wirken Salbei und Thymian. Sie gibt es in der Apotheke als Lutschbonbons und als Spray. Ebenfalls hilfreich für gestresste Rachen sind Primelwurzeln (z.B. in Ipalat®), Spitzwegerich (z.B. in Tetesept® Reizhusten & Hals Lutschtabletten) und isländisches Moos (z.B. in Isla Moos®, Neoangin Junior® und Aspecton®).

Eine Alternative zu Bonbons und Spray ist Tee. Dazu übergießt man einen Esslöffel getrocknete Salbeiblätter mit kochendem Wasser. Den Sud zehn Minuten zugedeckt ziehen lassen, danach durch ein Sieb gießen und einmal pro Stunde damit gurgeln.

Nicht pflanzlich, aber ebenfalls natürlich ist außerdem der Quarkwickel. Dafür streicht man etwa 250 g zimmerwarmen Quark auf ein Leinentuch auf und legt dies abends mit der Quarkseite auf den Hals. Darüber kommt ein trockenes Tuch. Der Wickel bleibt über Nacht liegen und wird morgens abgenommen.

Hinweis: Am besten ist es, Tee und Lutschbonbons zu kombinieren. So wird der Schmerz im Hals gemildert und der Körper erhält ausreichend Flüssigkeit.

Nase frei ist oberstes Gebot

Neun von zehn Betroffenen mit grippalem Infekt leiden unter Schnupfen mit Niesreiz, Naselaufen und verstopfter Nase. Bei starker Ausprägung sind nicht-pflanzliche abschwellende Nasensprays aus der Apotheke die wichtigste Maßnahme, damit das Sekret abläuft und sich die ganze Sache nicht zu einer schweren Nebenhöhlenentzündung auswächst. Damit die Nasenschleimhaut nicht leidet, dürfen abschwellende Nasentropfen nur wenige Tage lang angewendet werden.

Pflanzenmedizin kann bei der Befreiung der Nase durchaus unterstützend wirken. So soll ein Extrakt aus Ampfer, gelbem Enzian, Holunder, Eisenkraut und Schlüsselblume (z.B. BNO1016 in Sinupret®) die Dauer einer Rhinosinusitis (das ist die Infektion von Nasenhöhle und Nasennebenhöhle) um vier Tage reduzieren. Auch Eukalyptus-Extrakte (z.B. in Gelomyrtol forte® oder Soledum®) sind hilfreich. Sie beschleunigten bei Patient*innen mit Rhinosinusitis, die Antibiotika bekamen, die Linderung der Beschwerden und die Heilung.

Direkt in Nase und Nebenhöhlen wirken Inhalationen mit Wasserdampf. Dazu füllt man heißes Wasser in eine Schüssel, beugt den Kopf darüber und atmet die Dämpfe ein. Noch einfacher geht es mit speziellen, in der Apotheke erhältlichen Inhaliergefäßen. Je nach Vorliebe fügt man dem heißen Wasser Kamillenblüten oder ätherische Öle aus Pfefferminze, Eukalyptus oder Latschenkiefer hinzu. Vorsicht geboten ist bei Asthma oder Keuchhusten. In diesen Fällen kann es durch das Inhalieren ätherischer Öle zu Verkrampfungen der Bronchialmuskulatur und Atemnot kommen.

Etwas unangenehm, aber wirksam sind zudem Nasenspülungen mit Kochsalzlösung. Dazu verwendet man entweder eine professionelle Nasendusche. Oder man zieht die Lösung durch die Nase und spuckt sie durch den Mund wieder aus.

Hinweis: Nasennebenhöhlenentzündungen können sich auch in das Gehirn ausbreiten. Wichtige Alarmsignale dafür sind starke Kopfschmerzen, Veränderungen beim Sehen und eine Lidschwellung.

Dem Husten eins husten

Im Verlauf eines grippalen Infekts kommt es eher spät zu Husten. Meist handelt es sich zunächst um trockenen Reizhusten, Auswurf entwickelt sich erst im Verlauf. Gegen trockenen Husten hilft folgende Teerezeptur:

  • 15 g Anisfrüchte, 25 g Süßholzwurzel, 25 g Eibischwurzel und 35 g Eibischblätter vermischen,
  • zwei Esslöffel der Teemischung mit einer Tasse kochendem Wasser übergießen,
  • 10 bis 15 Minuten ziehen lassen und abseihen.
  • 3 – 4 Mal täglich eine Tasse davon trinken.

Außerdem empfohlen werden bei Reizhusten schleimhaltige pflanzliche Arzneimittel zum Lutschen. Dazu gehören Spitzwegerich in Broncho-Sern®, Eibisch in Silomat® oder die Königskerze (z. B. Antall®). Beim produktiven Husten unterstützen Pflanzentherapeutika das Lösen der Sekrete. Eingesetzt werden vor allem Eukalyptus (z.B. in Gelomyrtol forte®), Primel (z.B. in Bronchicum®) oder Myrte (z.B. Myrtol®).

Efeublätter-Trockenextrakte wie Prospan® lösen und lindern Husten ebenfalls. Ihre Wirkung ist allerdings gering, wie eine Metaanalyse ergab. Dafür hat Efeu eine leichte bronchospasmolytische Wirkung, d.h. es entspannt die Atemwege. Dieser Effekt ist bei Patient*innen mit begleitendem Asthma oder einer chronisch-obstruktiven Pulmonalerkrankung (COPD) günstig.

Hildegard von Bingen schwörte übrigens bei Keuchhusten auf echten Thymian als Hustenstiller. Tatsächlich konnte Thymian in Kombination mit Efeu-Extrakt in einer kontrollierten Studie die Häufigkeit und Dauer von Husten bei Bronchitis lindern. Hinweis: Husten, der länger als acht bis zehn Tage anhält, sollte ärztlich abgeklärt werden. Denn dahinter könnte auch ein Asthma, eine Herzschwäche oder die Nebenwirkung einer Medikamententherapie stecken.

Quelle: Penzel M, DAZ 2022; 50:1-15, Beer AM, MMW 2016:21-22:158

Autor / Rechte
21.10.2023
Dr. med. Sonja Kempinski

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